Wie kann Brandenburg von den aktuellen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) profitieren? Diese Frage stand im Mittelpunkt der ersten Brandenburger KI-Konferenz.

Am 9. Dezember 2019 fanden sich auf Einladung des neuen Digitalbeauftragten der Landesregierung, Staatssekretär Dr. Benjamin Grimm, rund 100 Interessierte zur ersten brandenburgischen Konferenz zur Künstlichen Intelligenz (KI) in der Staatskanzlei in Potsdam ein. Fünf praktische Anwendungsfelder heute schon eingesetzter Künstlicher Intelligenz sowie eine Podiumsdiskussion zu den ethischen Grenzen von KI standen im Zentrum der Veranstaltung, die von Journalistin Heike Schmoll moderiert wurde.

Staatssekretär Grimm ist neuer Digitalbeauftragter der Landesregierung

Künstliche Intelligenz ist zumindest in der Vorstellungswelt der Menschen nicht ganz neu, so Staatssekretär Grimm in seiner Eröffnung. Spätestens seit in den 1980er Jahren “Knight Rider”, “Raumschiff Enterprise” und später “Matrix” die Wohnzimmer eroberten, existierten höchst unterschiedliche Vorstellungen von künstlichen Intelligenzen. Was vor einigen Jahrzehnten noch pure Zukunftsmusik war, sei inzwischen dank stark verbesserter technischer Möglichkeiten in greifbare Nähe gerückt. Algorithmische und selbstverbessernde Anwendungen seien heutzutage bereits Teil des Alltags geworden: sei es in der Sprachsteuerung der Handys, in Navigationssystemen oder “smarten” Suchmaschinen. Was für den einen gesellschaftlicher Fortschritt und unternehmerische Chance, sei für den anderen Risiko und Angst vor Jobverlust. In diesem Spannungsfeld müsse ein breiter gesellschaftlicher Diskurs, auch mit Kommunen und Sozialpartnern, zu den Chancen und Grenzen der Digitalisierung und der KI begonnen werden. Dazu sei die erste brandenburgische KI-Konferenz ein guter Auftakt.

Staatssekretär Grimm würdigte die digitalpolitischen Verdienste seines Vorgängers Thomas Kralinski, der mit der Regierungsneubildung aus dem Amt geschieden war. Der in der vergangenen Wahlperiode begonnene Digitalprozess werde fortgesetzt und die bestehende Strategie sei ein guter Kompass auch für die kommenden Jahre.

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Gute Ausgangslage für KI in Brandenburg

Dr. Daniel Feser von der Universität Göttingen hat 2018 für die Technologiestiftung Berlin die Studie “Künstliche Intelligenz in Berlin und Brandenburg” veröffentlicht. Der Wissenschaftler brachte beeindruckende Daten mit: 28 Prozent der deutschen KI-Unternehmen sind im Raum Berlin-Brandenburg ansässig, von den Start-Ups sogar 48 Prozent. Dennoch werden viele Potenziale der KI nicht ausreichend genutzt. Diese seien vor allem im Dienstleistungsbereich tätig und böten überwiegend generalistische Prozessmanagement-Tools an. Feser stellte auch drei beispielgebende Institutionen und Unternehmen in Brandenburg vor, darunter Multirotor, das KI Labor der TH Brandenburg und die Medizindiagnostik von Isansys. Auch wenn die Prognosen auseinandergehen – insgesamt sei in den kommenden Jahren ein deutliches Umsatzwachstum im KI-Sektor zu erwarten. Anfang nächsten Jahres erscheint zu KI in Berlin und Brandenburg eine Folgestudie.

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Länger leben durch KI

Können wir Krankheiten durch Screenings und Algorithmen früher erkennen? Prof. Dr.  Christoph Lippert vom Fachgebiet “Digital Health” des Hasso-Plattner-Instituts führte seine Vision der vorhersagbaren medizinischen Behandlung aus. Durch KI-basierte Massenauswertungen von bestimmten Phänotypen ließen sich immer bessere Korrelationen zwischen genetischen oder physiologischen Merkmalen und dem Auftreten von Krankheiten herstellen. Diese Massenauswertungen seien menschlich nicht möglich, sondern nur mit vernetzten Datenbanken und smarter Bild- und Datenerkennung. Perspektivisch soll es möglich sein, weit im Vorfeld einer akuten Krankheit präventiv tätig zu werden.

Erleichterungen in der Verwaltung

Schnellere Antragsbearbeitung durch den Einsatz von KI: Dr. Constantin Houy vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) im Saarland berichtete von seinem Forschungsprojekt, bei dem in Kooperation mit dem saarländischen Landesamt für Soziales die Potentiale von KI-Anwendungen zur Entlastung der Sachbearbeitungen im Bereich Schwerbehindertenfeststellung und Eingliederungshilfe erforscht werden. Dies sei nicht zuletzt auch ein zwingender Ansatz, um dem wachsenden Fachkräftemangel zu begegnen. Dabei spielen diverse KI-Techniken eine Rolle, u. a. Handschriften- oder Bilderkennung, um so möglichst viele Schritte des Fachverfahrens algorithmisiert voranzutreiben und die Sachbearbeiter/innen-Entscheidung vorzubereiten. Houy verwies darauf, dass hohes Augenmerk auf die Akzeptanz dieser Instrumente bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gelegt werden muss. Allerdings sei davon auszugehen, dass die Prozessdurchlaufzeit deutlich schneller und die Abwicklung angenehmer für beide Seiten der Verwaltung sei.

Der autonom fahrende Bus in Wusterhausen (OPR)

Wie sieht der Verkehr der Zukunft aus? Ulrich Steffen von der Ostprignitz-Ruppiner Verkehrsgesellschaft stellte den autonom fahrenden Bus Wusterhausen vor. KI in der Mobilität könne insbesondere im ländlichen Raum eine Chance sein und helfen, die öffentliche Daseinsvorsorge zu sichern. Der Handlungsbedarf für den ÖPNV sei groß, auch hier herrsche zunehmender Fachkräftemangel. In Wusterhausen (Mark) ist seit Sommer dieses Jahres ein deutschlandweit erster autonomer Bus im öffentlichen Straßenverkehr unterwegs. Zusammen mit wissenschaftlichen Partnern wie der TU Berlin werde insbesondere die öffentliche Akzeptanz und sinnvolle Einsatzgebiete von autonomen Fahrzeugen untersucht. In diesen Tagen werde der dritte und letzte Streckenabschnitt eröffnet, so dass die öffentlich und kostenfrei nutzbare Buslinie nun insgesamt 8 km im Stadtzentrum von Wusterhausen umfasse.

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KI und Arbeit: Der Mensch im Fokus?

Britta Oertel vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewerttung (IZT) führte zum Thema KI und Arbeit Chancen, insbesondere für akademische Arbeitsplätze aus. Jedoch seien fast alle Arbeitsfelder von großen Veränderungen betroffen. Sie stellte einen Bezug zwischen den anstehenden Debatten zur KI-unterstützten Arbeit und älteren Diskussionen zur Telearbeit her. Am Ende habe die Praxis viele mühsam ausgehandelte Verabredungen zwischen den Sozialpartnern und anderen ausgehebelt. Es sei zu befürchten, dass dies auch im Bereich KI geschehe. Am Ende müsse flexibel und praxisnah bewertet werden, was tragbar sei und was nicht. KI halte eine Menge Möglichkeiten bereit, um Arbeitsfelder von Routineaufgaben zu befreien. Sprach- und Übersetzungstools wirkten auch im geisteswissenschaftlichen Bereich zunehmend erleichternd. Auch im Journalismus würden sich erste Fälle von “Roboterjournalismus” durchsetzen, z. B. bei den Sport-News. Gleichwohl entstünden ganz neue Effizienzszenarien, deren Bewertung nicht ganz einfach sei. Etwa wenn man in Callcentern eine automatisierte Mustererkennung einsetze, die in der Lage sei über mitgeschnittene Telefonate die Effizienz von Verkaufsgespräche weiter zu steigern. Oder wenn im Bereich des “Clickworking” Algorithmen durch Menschen “angelernt” würden und somit Menschen – teilweise unter sehr fragwürdigen Bedingungen – für die Maschinen arbeiteten.

Moderne Landwirtschaft dank KI

Professorin Sonoko Bellingrath-Kimura vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung e. V. (ZALF) schloss die Reihe der Praxisberichte mit einem Vortrag über KI in der Landwirtschaft. Sie unterstrich, dass smarte landwirtschaftliche Maschinen einen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten können. So könnten nützliche von schädlichen Unkräutern auf den Feldern unterschieden und Felder gezielt bearbeitet werden. Auch Messmöglichkeiten zur Feststellung der Artenvielfalt an einem bestimmten Ort seien mit KI-basierten Instrumenten gegeben. Die heutigen Landwirtschaftsmaschinen seien oftmals bereits teilautonom und mit diversen Monitoren zur gezielten Feldarbeit ausgestattet. Dies verändere auch das Berufsfeld des Landwirts stark. Derzeit sei ein Trend zu Kleinrobotern und Drohnen (“Farmdroids”) festzustellen, die im Ergebnis etwa gleich effizient wie die teilweise gewaltig großen Feldmaschinen seien. Jüngst hätten sich die wichtigsten westlichen Herstellerfirmen auch auf eine gemeinsame digitale Datenbank verständigt, was die Interoperabilität der Systeme vereinfache.

Podiumsdiskussion “Die Grenzen der KI – oder welche Grenzen setzen wir?”

Podiumsdiskussion KI-Konferenz vlnr Irina Eckardt, Viktoria Grzymek, Philipp Otto, Heike Schmoll

Um Grenzen und ethische Fragen der KI ging es bei der Podiumsdiskussion am Nachmittag. Es diskutierten Viktoria Grzymek von der Bertelsmannstiftung, Philipp Otto vom Think-Tank iRights.Lab und Dr. Irina Eckardt von der Initiative D21. Zunächst wurde herausgestellt, dass eine große begriffliche Unschärfe – insbesondere auch in der Abgrenzung zur reinen Automatisierung herrsche. “Algorithmische Systeme“ seien dem schillernden Begriff der KI vorzuziehen. Ein Teil der Diskussion wurde darauf verwendet, ob und inwieweit neue rechtliche Grenzziehungen tatsächlich notwendig seien oder ob nicht vielmehr das geltende Recht in den neuen Anwendungsbereichen neu interpretiert werden müsste. Ein möglicher Kompromiss könnte in der Entwicklung von Mindeststandards (für Transparenz von algorithmischen Kriterien) liegen.

Viktoria Grzymek plädierte für mehr Transparenz im Umgang mit Algorithmen. Behörden und Firmen sollten klar und verständlich die Kriterien der Algorithmen erklären. Als Beispiel führte sie die Debatte um die Vergabe von Studienplätzen in Frankreich an. Seit 2009 verwendet die französische Regierung Algorithmen zur Studienplatzvergabe und erntete von vielen Seiten heftigen Protest. Kritiker warfen dem System vor, dass der Algorithmus, nach dem die Plätze vergeben würden, nicht durchschaubar sei. Erst als eine Schülerorganisation geklagt hatte, musste das Bildungsministerium offenlegen, wie die Studienplätze verteilt werden.

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Philipp Otto vom Think Tank iRights.Lab sagte den algorithmischen Systemen eine zunehmende Perfektion voraus, die sich zunehmend auch in den Bereichen Kreativität und stilistischer Vielfalt ausbreiten werde. So wagte er die These, dass in 15 Jahren vielleicht auch ein Literaturnobelpreis an eine KI vergeben werden könnte. Angesichts dieser Entwicklungen werde “die Rolle des Menschen neu definiert”, so Otto. Dies sei nicht unbedingt als Nachteil zu verstehen. Im Gegensatz zu menschlichen Journalisten hätten Algorithmen zunächst keinen “Bias”. Diese nachvollziehbare menschliche Angst vor Kontrollverlust dürfe nicht in eine ziellose Regulierungsdebatte münden. KI müsse rückgängig gemacht werden können und es sei vorab zu überlegen, wie und wann das geschehen solle.

Auch Dr. Irina Eckardt von D21 führte aus, dass sich z. B. die Arbeit der Wirtschaftsprüfer dank digitaler Assistenten stark verändert. Das Überprüfen von Akten und Daten, das u. a. im Rechtswesen eine zentrale Rolle spiele, könne von Maschinen neutraler und effizienter erledigt werden. Auch in akademischen Berufen stünden somit Qualifizierungsverlagerungen und neue Einsatzgebiete unmittelbar bevor.

Das Podium debattierte über die Vielfalt der bereits bestehenden Regelwerke zu algorithmischen Systemen. Sie entfalteten jedoch in der Regel wenig Wirkung jenseits der unmittelbar beteiligten Fachkreise.

Zu den Fehlstellen befand das Podium, dass eine stärkere Interdisziplinarität zwischen den IT-Berufen und anwendenden Berufsfeldern wünschenswert Auch eine digitale Modernisierung der Gesetzgebung sei dringend notwendig. Oftmals fehle es allerdings in diesem Themenfeld auch an einem guten Austausch zwischen Regierung und Gesetzgeber auf der einen Seite sowie unternehmerischer Praxis und Wissenschaft auf der anderen Seite.